Brigadetagebuch (1959-1989)
Seit der Kampagne zur Gründung
von Brigaden der sozialistischen Arbeit im Januar 1959, wird immer wieder auf
die Führung von Brigadetagebüchern verwiesen. In diesen sollten alle für die
Brigade, d.h. das Arbeitskollektiv wichtigen Ereignisse festgehalten werden.
Es sollte vor allem die
gemeinsamen Bemühungen und die Erfüllung von Aufgaben im sozialistischen
Wettbewerb widerspiegeln. Besonders sollten die Erfolge und Hemmnisse sowie dem
kollektiv differierende Einstellungen und Ansichten vermerkt werden.
Bei den Gruppen-Gewerkschaftswahlen wurde ein Tagebuchführer gewählt, der die
Aufgabe für einen gewissen Zeitraum übernahm. Der Tagebuchführer war allerdings
oftmals nicht allein für den Inhalt verantwortlich. In unserem Beispiel sieht
man auch, dass zu unterschiedlichen Themen auch verschiedene Mitglieder
Beiträger verfassten.
Bei Veranstaltungen, wie
Feierlichkeiten für die Auszeichnung „Brigade der sozialistischen Arbeit“,
sprich Verleihungen und öffentlichen Verteidigungen, mussten die
Brigadetagebücher vorgezeigt werden und wurden dann bewertet.
Die Brigadetagebücher geben
Auskunft über das Alltagsleben der Arbeiter und Angestellten im Betrieb und in
dessen Umfeld. Tagebuchführer wurden häufig von der Gewerkschaft als Mitglieder
der „Zirkel schreibender Arbeiter“ gewonnen.
Hintergrund dieses Konzepts
sollte sein, das Brigadetagebuch als Mittel der Selbstverständigung, Erziehung
und Selbsterziehung im Arbeistkollektiv einzusetzen, um damit zur Gestaltung
"sozialistischer Verhaltensweisen" und "Kollektivbeziehungen" beizutragen. Der
Inhalt und die Form gestalteten sich jeweils nach dem Erlebten und dem
Entwicklungsstand und Bildungsstand der Brigademitglieder.
Die Beiträge konnten
verschiedener Natur sein. Zum Beispiel konnten es reine Notizen, Handelbilanzen,
Erlebnisberichte, Glückwünsche und satirische Darstellungen sein. Die Form und
Qualität der Beiträge wurde bestimmt durch die Kenntnisse und Fähigkeiten der
AutorInnen.
Brigadetagebuch des
Fernmeldeamts in Bergen (Rügen) von 1979

Im Jahre 1979 arbeiteten im Fernmeldeamt Bergen 39
„Brigademitglieder“.
Das Brigadetagebuch dokumentiert Veranstaltungen,
Geburtstage und Jubiläen, wie z.B. den 30. Jahrestag der DDR.
Das Fernmeldeamt hatte Patenkinder in den Kindergarten
„Käthe Kollwitz“ und „Maxim-Gorki“.

So
sah das Deckblatt des Brigadetagebuchs aus. Es wirkt sicherlich ein wenig
infantil, war aber ernst gemeinter Arbeitsalltag. Die Tagebuchführerinnen
kümmerten sich darum, das Brigadetagebuch liebevoll zu gestalten, denn es gab
die Chance bei Verleihung bzw. Verteidigung von Auszeichnungen dafür extra
Anerkennung zu erhalten.

Selbst der Solidaritätsbeitrag wird dokumentiert und in
einer graphischen Darstellung illustriert.
Auszeichnung der Brigade mit dem Titel: „Kollektiv der
Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“. Anlässlich der Verteidigung des Titels wurde
ebenfalls ein Beitrag verfasst, der von Stolz über die Leistung zeugt.

Anlässlich
der Bezahlung der Solidaritätsspende in Höhe von 364 Mark an die
Betriebsgewerkschaftsleitung wurde ein Artikel verfasst, der die Meinung der
Brigade über den Krieg zwischen Vietnam und China widerspiegelte.
„Der feige chinesische Überfall auf Vietnam ist ein Schlag
gegen alle friedlichen Menschen“


Scheinbar war im Frühjahr 1979 eine Grippewelle im Umlauf, so dass es die
Tagebuchführerin für erwähnenswert hielt. Oder es war nur eine kreative Idee, d
as Brigadebuch mit ein wenig redundanten Beiträgen zu
füllen.

Auch zu Geburten wurde ein Eintrag gemacht und mit selbst gemalten Bildern
illustriert.

Besondere Anerkennung konnte man erhalten, wenn man sich
durch Extraarbeiten hervortat. In diesem Falle hat sich die Kollegin durch
besondere Arbeiten zur
„Aktivistin der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet.

Wie schon einmal erwähnt, besaß das Fernmeldeamt Bergen
Patenschaften zu Kindern aus Kindergärten. Anlässlich des Internationalen
Frauentags bekamen die Damen deshalb Besuch der Kindergartengruppen, die dem
Arbeitskollektiv Lieder und Gedichte vortrugen. Diese Besucher schienen auf
helle Begeisterung zu stoßen, denn allein in diesem Brigadebuch von 1979 gibt es
mehrere Einträge solcher Besuche, die jedes Mal mit Verzückung berichtet wurden.

Auch Trauerfälle sind im Brigadetagebuch vermerkt. In
unserem Fall ist eine Kollegin durch Krankheit verstorben. Deshalb erhielt sie
hier einen Beitrag, der von ihrem Leben auf Arbeit und im Kollektiv berichtet.
Der Artikel erscheint sehr emotional und zeigt von einem guten Zusammenhalt in
der Brigade.


Besonders an Gemeinschaftstreffen wie den Brigadefesten
wurde auf eine zahlreiche Teilnahme geachtet. War dies nicht der Fall, konnte
man mit einem negativen Eintrag im Brigadebuch rechnen. Die Dokumentation
erfolge wie immer mit Collagen und Textpassagen über das Geschehen. In dieser
Brigade scheint allerdings die Teilnahme an den Brigadetreffen oftmals nicht
allzu zahlreich gewesen zu sein, wie man an späterer Stelle noch sehen wird.

Selbst die Abrechnung des Quartals sind mit persönlichen
Empfindungen gespickt. Hier zum Beispiel hat die Kollegin ihren Unmut darüber
geäußert, dass die Bilanz zwar gut sein, die Arbeitseinstellung allerdings bei
80% der Brigademitglieder nicht stimme. Sie ist der Meinung, dass die
Kolleginnen nur darauf warteten, dass ein anderer ihre Arbeit mache. Diese dem
System nicht konforme Einstellung lässt sich aber auch an der Beteiligung an den
Brigadetreffen erkennen.

Scheinbar wurde der Unmut der systemgetreuen Mitglieder auf
die Dauer immer größer, so dass in diesem Bericht eine Art Bilanz gezogen wird.
Die Kollegin ist erregt über die schlechte Erfüllung der Brigadeaufgaben, da
immer nur ein geringer Prozentsatz des Kollegiums zu den Veranstaltung-en kam.

Wandertage wurden mehrere angesetzt. Nach der der
Durchführung wurde dann eine Dokumentation in Collagenform hergestellt. Doch
auch diese erfreuten sich nicht gerade großer Beteiligung, wie der Bericht einer
Kollegin berichtete.

Die Auszeichnung „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“